The Story of Velvet-Paw

geschrieben von Oliver Rose (Samtpfote)

korrigiert und ergänzt von Sebastian Meusel (Lylanea)

 

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Hauptgeschichte

Kapitel 1

 

Neun Monate waren seit dem Krieg gegen die Kitin verstrichen. Es war ein herrlicher klarer Wintermorgen. Die ersten Sonnenstrahlen glitzerten im Schnee auf den Bäumen im yrkanischen Wald und die Luft war klar und still. Yubos tollten trotz der bitteren Kälte durch den Schnee und Caprynies suchten unter der dichten Schneedecke nach ein paar Flechten oder Gräsern. Die Bodoc Herden hatten sich in kleinen Gruppen dicht zusammengekuschelt um sich gegenseitig zu wärmen. Auch für ihr dichtes, rotbraunes Fell war es manchmal einfach zu kalt.

Wie jeden Morgen herrschte in den Straßen der matisianischen Hauptstadt reger Betrieb. Kinder spielten im Schnee, Händler boten trotz der Kälte ihre Waren an und die anderen Bewohner der Stadt gingen ihren alltäglichen Verrichtungen  nach.

 

Alles war ruhig und friedlich, nur aus einem der riesigen hohlen Wohnbäume stieg der gellende Schrei eines Neugeborenen in die klirrende Winterluft.

 

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Occhi Verdi lag in ihrem Bett. Durch die Fenster drang das muhen der Bodoc und das geschäftige Treiben auf Yrkanis Straßen zu ihnen herein.

Eine kleine, rundliche Hebamme, welche ein paar Tage zuvor extra aus den Ländern der Seen angereist war, legte gerade das Neugeborene in die Arme seiner Mutter.

- „Es ist ein Junge“ sagte die Hebamme freudig zu ihr. „Wie soll er denn heißen?“

- „Ich werde ihn Velvet-Paw nennen. Nach seinem Vater“. Die erschöpfte, neue Mutter schaute fast schon ungläubig auf ihr Neugeborenes herab. Wie Glücklich sie war das er Gesund war. Und wie schön er war. Ein leichter blonder Flaum zierte seinen Kopf, golden wie das Haar seiner Mutter. Doch die leicht dunkle Haut, die etwas flache Nase und die wunderschönen Augen hatte er von seinem Vater. Eine Träne viel von ihrer Wange auf den Kopf des Kindes und sie drückte es eng an sich.

„Ein schöner Name. Hoffentlich wird er genauso Mutig und Stark wie sein Vater“. Die Hebamme drehte sich um und ging in das kleine Badezimmer um sich zu reinigen und die blutigen Tücher zu entsorgen.

„Nachdem was sie mir so über ihn erzählt haben, wird der Kleine bestimmt ein ganz Wilder.“ Lachte die Stimme der Hebamme unter dem Plätschern von Wasser aus dem Badezimmer.

Der Blick der jungen Mutter glitt von ihrem Neugeborenen zum Badezimmer und dann die Wände entlang. Ihr Blick fiel auf den kleinen Schild an der gegenüberliegenden Wand. Dies war bisher das Einzige gewesen, das sie an den Vater des Jungen erinnerte. Mehr war Ihr nicht geblieben. Die Leichen der tapferen Homins wurden in den Tagen nach der Schlacht verbrannt. Es waren zu viele um für jeden ein eigenes Grab auszuheben. Sie drängte die grausamen Bilder weit von sich. Das war Vergangen. Jena hatte ihr damals die Kraft geschenkt über Velvet-Paws Verlust hinweg zu kommen. Und nun hielt sie seinen Sohn in den Armen. Er würde sie immer an ihre große Liebe erinnern. Und wenn Velvet-Paw Junior erst einmal alt genug ward, würde er den Zeremonienschild bekommen. Sie lächelte auf ihren kleinen Sohn herunter und strich mit ihrem Zeigefinger über seine winzigen Hände und das nun zufrieden schlummernde Gesicht.

-  „Eines Tages wirst Du ein großer Jäger, genau wie dein Vater“.

 

 

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Kapitel 2

 

Die Jahre vergingen und Velvet-Paw wuchs bei seiner Mutter in Yrkanis auf, wo er von Ihr den Nahkampf sowie die Suche nach Rohstoffen und das behutsame Ausgraben der Materialien erlernte. Doch für den lebhaften Jungen waren das vorsichtige Ausgraben der Materialien und das ermüdende Suchen, nach dem Rechten Platz und warten auf den rechten Zeitpunkt eine qual. Er sehnte sich nach Abenteuer und Heldentaten, wie in den Geschichten die ihm seine Mutter manchmal erzählte. Grade sein Vater war eine große Inspiration für den Jungen. Auch er wollte ein großer Jäger werden. Und so erwuchs eine unbändige Neugier in ihm. Ein Verlangen neues zu lernen und zu sehen. Diese Eigenschaft trieb ihn dazu ständig weiter zu laufen als es seine Mutter erlaubt hatte. Heimlich übte er mit allen Waffen derer er habhaft werden konnte, zunächst nur mit dem Kurzschwert, doch schließlich entdeckte er ein Talent für die Pike in sich. Dieser Schwertstab lag ihm und eignete sich hervorragend für die Jagd auf gefährlichere Tiere. Und obwohl er von seinen Freunden und seiner Mutter immer wieder zur Vorsicht angehalten wurde trugen ihn seine flinken Füße immer wieder in Situationen, aus denen er nur mit viel Mühe und Geschick wieder herausfand.

 

Der Stamm der grünen Samen, dessen Lager sich an die Nordseite der gewaltigen Matis Arena kurz vor der Stadt schmiegte, beschwerte sich schon fast regelmäßig beim Stadtverwalter oder direkt bei seiner Mutter. Der kleine Kerl schlich sich ständig in ihre Zelte und sorgte dort für Unordnung oder spielte den Mitgliedern des Stammes Streiche. Die Matis und Tryker die dem Stamm angehören treiben Handel mit den umliegenden Städten der grünen Anhöhen und belohnen Botengänge und Hilfe bei der Arbeit mit Freundschaft und Großzugigkeit. Ihr Wappen, drei keimende Samen auf einem Sternförmigen Ballt, steht für die gute Qualität ihrer Wahren.

 

Einmal hatte Velvet-Paw Junior den Entschluss gefasst einem Yubo ein paar Kunststücke beizubringen. Da ihm seine Mutter bestimmt nicht erlauben würde das Tier mit nach Hause zu nehmen, benötigte er eine Unterbringung für den pelzigen, kleinen Vierbeiner. Er hatte ihn nicht weit vom Lager der grünen Samen gefangen, was lag also näher als seinen neuen Freund dort zu verstecken.

 

Er schlich sich nun von der Rückseite an die kleine Zeltstadt heran. Geschickt wand er sich zwischen den aus dem Boden ragenden massiven Wurzeln hindurch und entging so den Blicken der Wachposten.

Das Lager bestand nicht nur aus Zelten. Es fanden sich auch einige aus Korb geflochtene ovale Schlafhöhlen, die auf kleinen Pfählen standen und einige windschiefe offene Hütten. Eines der größeren Zelte war die Vorratskammer des Stammes. Hier hatte er schon so manche süße Wurzel und das eine oder andere Obst stibitzt, wenn ihm auf seinen Ausflügen der Magen knurrte. Bisher hatte man ihn zwischen den Kisten und Säcken nie bemerkt. So bot es sich an, dass Velvet-Paw den Yubo hier versteckte.

Das kleine zappelnde Tier in seiner Tasche verborgen huschte er in das Zelt holte es hervor und band es an einen Stützpfahl im hinteren Teil des Zeltes. Er kontrollierte noch schnell die Länge des Seils um sicher zu gehen, das das verfressene Tier nicht an die Vorräte kam, griff einige getrocknete Früchte aus einem Sack, packte sie dem Kleinen vor die Nase damit er nicht hungern musste und verschwand wieder.

Die Sonne ging bereits unter. Er hatte zuviel Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Yubo verbracht. Er musste jetzt schleunigst nach Hause bevor seine Mutter im wieder eine Moralpredigt über die gefährliche Flora und Fauna im nächtlichen Wald hielt.

Er sah sie schon vor ihm stehen.

„Du weißt genau wie gefährlich es nachts im Wald ist. Am Tage dürfte ich dich ja schon nicht dort spielen lassen, aber nachts. Ich mag gar nicht dran denken. Überall die gefährlichen Gingos und Ragus mit ihren scharfen Zähnen und Klauen. Und verlaufen kannst du dich in der Dunkelheit auch noch. Junge ich mache mir doch solch schreckliche Sorgen das dir was zustoßen könnte.“

Velvet-Paw schüttelte den Kopf um diese Gedanken zu vertreiben. Die Nächte waren wirklich sehr gefährlich. Zum einen war es durch das dichte Geäst der Bäume trotz Mondlicht sehr dunkel und zum anderen schlichen des Nachts mehr gefährliche Kreaturen umher als tagsüber.

Schnell machte Velvet-Paw sich auf den Heimweg und nahm sich vor, am nächsten Tag so früh wie möglich zu seinem Yubo zurückzukehren.

 

Eilig machte Velvet-Paw sich wieder auf den Heimweg und nahm sich vor, so früh wie möglich zu seinem Yubo zurückzukehren.

 

Am nächsten Morgen erwachte Velvet-Paw mit den ersten Sonnenstrahlen. Er wusch sich, zog sich an und aß eine Kleinigkeit. Dann machte er sich auch schon auf den Weg. Occhi schaute ihrem Sohn etwas beunruhigt hinterher. Wenn er es so eilig hatte aus dem Haus zu kommen, bedeutete dies meist nichts Gutes. Sie lächelte in sich hinein. Er musste seine eigenen Erfahrungen machen. Und sie hatte gelernt mit seinem ungestümen Gemüt zu leben. Ob sein Vater in dessen Jugend auch so gewesen war? Sie seufzte als die Erinnerung in ihr aufstieg. Was würde ihr Sohn wohl Heute wieder anstellen?

 

Am Lager der grünen Samen angekommen, schlich sich Velvet-Paw wieder von hinten an das Vorratszelt, schaute sich verstohlen um und huschte hinein.

Was er dort sah ließ seine Augen fast groß wie die eines Trykers werden. Drei wütende Stammesmitglieder standen in einem Chaos aus umgeworfenen Säcken und Kisten um einen kleinen, vollgefressenen Yubo herum. Überall lagen Lebensmittel verstreut. Angebissenes Obst lag zwischen umgefallenen Säcken mit Korn und Mehl. Eine Kiste mit getrocknetem Fleisch lag umgedreht neben einem zerbrochenen Fass, aus dem ein letztes, kleines Rinnsal einer dunkelroten Flüssigkeit herauslief.

 

 

Die meisten Lebensmittel waren nicht mehr zu gebrauchen.

Velvet-Paws Blick fiel auf das durchgenagte Seil am Hals des Yubos und die drei Grünen Samen die mit dem Rücken zu ihm standen. Zwei Männer und eine Frau, unterhielten sich angeregt über das angerichtete Chaos in ihrem Vorratszelt und rätselten darüber wer den kleinen Vielfraß wohl in dem Zelt angeleint hatte und warum.

 

Er nutzte die Gelegenheit und machte ein paar langsame Schritte rückwärts in Richtung der Zeltplane durch die er geschlüpft war. Er fuhr hastig herum und wollte gerade aus dem Zelt huschen als zwei stämmige Beine ihm den Weg versperrten und er rücklings auf den Boden plumpste.

„Na? Wen haben wir denn da?“ ertönte eine dunkle, grimmige Stimme.

„Das verfressene kleine Ungeheuer hast doch bestimmt Du hier angeschleppt?“ zwei zornig blitzende Augen blickten auf Velvet-Paw herab und die drei Anderen drehten sich nun auch um.

„Äh..Also…Öhm...“stammelte Velvet-Paw. Völlig verängstigt von der Gestalt die sich vor ihm aufgebaut hatte.

„Das wollte ich nicht. Ehrlich!“ mit angsterfüllten Augen schaute er zu der Gestalt empor.

„Unsere ganzen Wintervorräte wurden vernichtet. Was hast Du dir eigentlich dabei gedacht?“ Der Mann machte eine kurze Pause, musterte dabei den stillen Jungen von oben bis unten und sagte schließlich „So wie Du aussiehst, hast Du wahrscheinlich gar nicht gedacht.“

Die hünenhafte Gestalt packte Velvet-Paw am Kragen und zog ihn mit einem Ruck auf die Beine.

Die drei anderen kicherten schadenfroh, als sie den Ausdruck im Gesicht des Jungen sahen.

„Bitte sagen sie meiner Mutter nichts davon!“, flehte Velvet-Paw den Mann an.

„Die wird mich grün und blau schlagen!“ Was nicht stimmte. Seine Mutter konnte zwar sehr unangenehm werden aber schlagen würde sie ihren Sohn niemals. Das einzige was er zu erwarten hatte war Stubenarrest. Und nichts fürchtete Velvet-Paw mehr.

„Vielleicht kannst Du einen Teil des Schadens ja wieder gut machen.“ sprach eine der drei Personen hinter ihm.

„Du könntest uns helfen neue Vorräte zu sammeln.“

„Ja,  Ja! Das mache ich gern! War ja meine Schuld, das nicht mehr viel übrig geblieben ist.“ Velvet-Paw schöpfte etwas Hoffnung aus dieser dummen Situation heil herauszukommen, als er sah das die Frau die ihm das Angebot unterbreitet hatte ihn freundlich anlächelte. Schließlich half er bei den Aufräumarbeiten im Vorratszelt und ging danach mit dem Versprechen nach Hause, am nächsten Tag gleich damit anzufangen, für den Stamm neue Vorräte zu besorgen.

 

Es dauerte zwei volle Monate bis die Vorratskammer der grünen Samen wieder gefüllt war. Velvet-Paw sammelte von morgens bis abends Beeren, Kräuter und Früchte. Er half dabei erlegte Tiere auszunehmen und lernte nebenbei ein wenig über das Keltern von Wein und das Brennen von stärkeren Tränken. Die er allerdings nicht probieren durfte.

„Sonst wachsen Dir noch viel zu früh Haare auf der Brust.“, war die meist gegrinste Begründung für die Weigerung ihm einen Schluck von dem scharf reichenden Gebräu zu geben. Erst einige Jahre später sollte er verstehen was damit gemeint war.

Trotz seiner Abneigung gegen das Ausgraben von Rohstoffen holte er für die Grünen Samen Holz, Harz und Faser aus dem Boden um die zerstörten Regale, Fässer und Netze zu ersetzen. Für die Vorratskammer reichte das nicht sonderlich Qualitativ hochwertige Material, das der Junge heranschleppte vollkommen aus.

Durch diesen intensiven Kontakt mit den Stammesangehörigen lernte Velvet-Paw mehr über ihre Sitten und Gebräuche und ihre Geschichte. Zudem schloss er mit einigen von ihnen Freundschaft. Auch mit der jungen Frau die ihm die Chance der Wiedergutmachung bot.

Der Stammesführer hingegen bedachte Velvet-Paw auch weiterhin mit einem derart grimmigen Blick, das jeder Kitin vor Angst tot umgefallen wäre. Von der jungen Frau erfuhr Velvet-Paw jedoch, dass der Anführer zwar jähzornig, aber ein ehrbarer Krieger mit harter Schale du doch einem weichen Kern sei.

Trotzdem versuchte Velvet-Paw lieber dem mürrischen Anführer aus dem Weg zu gehen um einen erneuten Wutausbruch zu verhindern.

 

Yubo

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Kapitel 3

 

Es waren wieder ein paar Monate verstrichen als Velvet-Paw auf die zugegeben törichte Idee kam, einen Gingo einfangen zu wollen.

Diesmal wollte er ihn nicht dressieren, aber er dachte sich das so ein lebendes Exemplar doch bestimmt ein paar Dapper auf dem örtlichen Markt von Yrkanis bringen würde. Vielleicht gelang es ja doch jemandem so ein Vieh zu zähmen und als Wachhund oder Haustier zu halten.

 

Velvet-Paw besorgte sich einen kleinen Handkarren und zog damit in den Wald um nach stabilem Holz zu graben. Er hatte in den letzten Tagen durch stetiges üben seine Fähigkeiten als Holzsucher erweitert um stabiles Holz für einen Käfig zu finden. Im Wald angekommen begab er sich zu einer Stelle an der es eine besonders hohe Qualität von Holz gab, packte seine Picke aus und begann mit dem Abbau.

Einen Teil der benötigten Menge hatte er bereits am Vortage abgebaut, so dass er heute nicht mehr all zu viel unter dem Mutterboden abschälen musste.

Velvet-Paw nahm ein wenig Suchstaub aus seinem Beutel und begann sich auf das zu findende Material zu konzentrieren. Der Staub in Velvet-Paws Hand begann schon nach wenigen Sekunden zu glühen und als er ihn im Bogen von sich warf, verpufften die goldenen Körnchen in seinen Händen und vor ihm erschienen zwei leuchtende Quellen.

Velvet-Paw ging in die Knie und grub zunächst den Mutterboden, dann die Borke ab um schließlich an das darunter liegende Holz zu gelangen. Er musste aufpassen, dass er die Quelle oder das Material nicht beschädigte. Zu hastiges Ausgraben konnte auch  dazu führen, dass die Quelle vorzeitig versiegen würde, oder gar ausströmendes Gas ihn vergiftete, oder explodierte.

 

Nach ein paar Stunden war er fertig und konnte anfangen aus dem Holz einen stabilen Käfig zu bauen in dem ein Gingo genügend Platz hatte. Fleißig zimmerte er einen stabilen Käfig mit eng aneinander gereihten Holzlatten und einer schnell, aber sicher verschließbaren Klappe an der Stirnseite.

 

Nun ging es daran, einen Gingo lebend zu fangen. Velvet-Paw hatte auch schon einen Plan und begann sogleich diesen in die Tat umzusetzen. Hierzu kletterte er auf einen Baum von dem er wusste, das sich dort gerne Gingos zum schlafen nieder ließen. Schon kurze Zeit später kam einer der gefährlichen Vierbeiner und legte sich unter den Baum um ein kleines Nickerchen zu machen.

Velvet-Paw begann nun sein mitgebrachtes stabiles Seil mit der Schlinge nach unten langsam vom Baum herab zu lassen. Die Schlinge schaukelte über dem Kopf des Gingos hin und her und Velvet-Paw hatte Mühe das Seil ruhig genug zu halten um mit der Schlinge genau zielen zu können.

 

Von unten war das leise Schnarchen des Gingos zu hören. Ein Anzeichen dafür, dass das Tier wirklich schlief und sich nicht bloß mit geschlossenen Augen hingelegt hatte. Dieser Zustand war schon oft einem Wandersmann zum Verhängnis geworden, der glaubte er könne sich an einem „schlafenden“ Gingo vorbei schleichen.

 

Noch wenige Zentimeter trennten die Schlinge von der Schnauze des Gingos.

Velvet-Paw musste schnell sein, damit der Gingo die Schlinge nicht doch noch frühzeitig bemerkte.

Schweiß bildete sich auf Velvet-Paws Stirn. „Laaangsam“, dachte sich Velvet-Paw. „Nur keine Hektik. Jetzt... gleich... und zuziehen.“ Mit einem Ruck zog er an dem Seil, damit sich die Schlinge möglichst kräftig zuschnürte. Mit einem Satz war der Gingo auf den Beinen. Unsanft aus dem Schlaf gerissen wollte das erschreckte Tier aufheulen, doch fehlte ihm die Luft da die Schlinge sich um seinen Hals festgezogen hatte.

Wild zappelte der Gingo hin und her und versuchte die Schlinge ab zu schütteln. Diese zog sich aber nur fester zu und machte das Tier nur noch panischer.

 

Mit einem Mal rannte der kräftige Räuber los.

Damit hatte Velvet-Paw nicht gerechnet!

Mit einem gewaltigen Krachen landete er unsanft auf dem mit Moos und Wurzeln überzogenen Boden vor dem Baum. Dabei schlang sich das Seil um sein linkes Bein und ruckartig wurde er durch das Unterholz gerissen. Es ging über spitze Steine, durch Dornengestrüpp und kleinere Bachläufe. Der junge Jäger wurde heftig geschnitten, zerkratzt und durchnässt.

Es ging immer tiefer in den Wald hinein. Unkontrolliert schleuderte ihn die wilde Jagd hin und her. Die Orientierung hatte er schnell verloren. Sich verzweifelt windend, um nicht gegen einen Baum oder einen spitze Wurzel zu prallen, versuchte er gleichzeitig nach dem Messer zu angeln, das er am rechten Bein trug. Als die wilde Fahrt über eine relativ ebene Lichtung ging schaffte er es das Messer zu ziehen und zog das Linke Bein schmerzhaft an sich. Er schob die Klinge unter das Seil und begann zu schneiden.

 

„PENG“

 

Mit einem lauten Knall krachte Velvet-Paw gegen einen Baum und das Messer flog aus seiner Hand. Der junge Mann schrie vor Schmerzen auf und versuchte seinen schmerzenden Rücken vom Boden weg zu drehen. Mir letzter Kraft gelang es ihm sich auf den Bauch zu drehen und das Gesicht mit den Armen zu schützen. Dann ließ er sich wehrlos von dem Tier mitschleifen.

Von Panik getrieben und von Luftnot wirr achtete der Gingo nicht wohin er lief und so kam es, das er das Lager der grünen Samen erreichte. Die Wachen trauten ihren Augen nicht als sie sahen was dort auf sie zukam. Ein Gingo mit einer Schlinge um den Hals und hinten dran ein in das Seil gewickelter junger Bursche in einer verbeulten Rüstung, mit zerkratztem Gesicht und einigen üblen Blessuren.

Völlig überrascht ließen sie das seltsame Gespann zunächst passieren und nahmen erst die Verfolgung auf als es schon fast zu spät war.

Der Gingo hielt auf zwei Frauen zu, welche die frische Wäsche des Morgens zu trocknen aufhängten.

Einen kurzen Tumult später lag ein Großteil der Wäsche im Dreck und einige Tücher, Hemden und Hosen eilten in einem wirren Knäuel weiter ins Lager hinein.

Viel Platz gab es im Lager nicht. Der Gingo wechselte panisch die Richtung um nicht in ein Zelt oder einen Bretterverschlag zu krachen. Immer wieder sprangen Homins zur Seite um nicht auch von dem Gingo umgerannt, oder von dem daran hängenden Jungen umgerissen zu werden.

Bei einem dieser abrupten Richtungswechsel wurde Velvet-Paw mitten in einen Verkaufsstand mit Töpferarbeiten geschleudert. Krachend vielen die Vasen und Gefäße zu Boden und hinterließen einen recht großen Scherbenhaufen.

 

Eine schwere Axt aus gehärtetem Holz sauste hernieder.

Der Schädel des Untiers  teilte sich unter ihrer Klinge in zwei Hälften.

Regungslos blieb der Gingo liegen und um seinen Kopf herum bildete sich eine Pfütze aus Blut.

Die hünenhafte Gestalt mit der Axt in der Hand stand breitbeinig vor dem erschlagenen Tier und brüllte mit donnernder Stimme „WAS IST DENN HIER LOS? WER HAT DEN GINGO HIER ANGESCHLEPPT?“

Grimmig schaute er in die Menge die mittlerweile einen Kreis um den Gingo und den Jungen gebildet hatten.

Totenstille.

Niemand wate zu sprechen.

Alle schauten mit bösen Blicken auf Velvet-Paw.

Mit einem lauten, Klirren fiel die letzte heile Vase von dem zusammengestürzten Verkaufsstand.

 

„Du! Du schon wieder.“ Die dunkle, kräftige Stimme bebte. Die Augen der Gestalt funkelten bedrohlich und man konnte meinen dass sie die Axt erneut erheben würde um damit Velvet-Paws Schädel zu spalten.

 

Velvet-Paw begann nun endlich sich zu bewegen, soweit es in diesem gefesselten Zustand möglich war.

Er spuckte ein paar Grashalme, Blätter und Erde aus, die sich im Laufe der Fahrt in seinem Mund gesammelt hatten und versuchte zu Sprechen.

 

„Diesmal...war´s nicht...meine Schuld“ kamen die Worte angestrengt und abgehackt aus seinem Mund. Velvet-Paw blickte mit Schmerz verzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen ängstlich zu dem Hünen auf. Er wäre am liebsten im Erdboden versunken als sich die Moralpredigt des Anführers der Grünen Samen anhören zu müssen.

Da donnerte es auch schon auf Velvet-Paw hernieder.

 

„Unser ganzes Lager hast Du verwüstet!“

„Reicht es nicht unsere Vorräte zu vernichten“

„Warum eigentlich immer unser Lager?“

„Dir sollte man mal eine gehörige Tracht Prügel verabreichen“

„Wer soll denn für den ganzen Schaden aufkommen?“

 

Den Rest hörte Velvet-Paw schon nicht mehr.

Er war dem ganzen Stress und der Aufregung, ganz zu schweigen von der Tortur die er durchmachen musste als der Gingo ihn mitschleifte, nicht gewachsen und verlor das Bewusstsein.

 

Gingo

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Kapitel 4

 

Velvet-Paw schlug langsam die Augen auf.

Er lag in einem der Schlafzelte auf einem Bett aus Fellen.

 

Eine junge, rothaarige Matis beugte sich gerade über ihn und säuberte die vielen Schnitt- und Schürfwunden in seinem Gesicht. Mit kessem Blick schaute sie ihn an während sie vorsichtig die Wunden mit einem feuchten Tuch abtupfte.

 

Außer der jungen Matis waren noch zwei Tryker Frauen in dem Zelt, welche im Hintergrund frisches Wasser und saubere Tücher bereitstellten damit seine Wunden versorgt werden konnten.

Ein älterer Mann trat in das Zelt und legte ein paar Kräuter neben Velvet-Paws Bett.

Hoffentlich Medizin die den Heilungsprozess seiner Wunden beschleunigen würde und kein Gift, dachte Velvet-Paw mit Gedanken an den Tumult den er Verursacht hatte.

 

„Du machst vielleicht Sachen.“ grinste die junge Matis, nachdem die drei Grünen Samen das Zelt verlassen hatten.

„Ich habe noch keinen so verrückten Jungen wie Dich getroffen.“

„Einen Gingo fangen zu wollen. In Deinem Alter. Und dann auch noch lebend. Tztztz“ Sie wäre wahrscheinlich noch weiter über Velvet-Paw hergezogen hätte sie nicht den bemitleidenswerten Gesichtsausdruck in seinem Gesicht gesehen.

Sie versuchte ein anderes Thema anzusprechen.

„Ich heiße Lylanea und wer bist Du?“ sprudelte es vergnügt aus ihr heraus.

„Velvet-Paw“ kam es noch etwas schwach über seine Lippen.

„Ich war zufällig im Lager als Du hier hereingeschneit kamst. Jena, was war das ein Anblick. Du hättest die Gesichter der Wachen sehen sollen.“ Sie machte einen übertrieben verdutzten Gesichtausdruck, bei dem sich der Junge Halb-Fyros ein noch leicht schmerzendes Lachen nicht verkneifen konnte.

„Die Stammes-Heilerin ist momentan in Davae. Und da habe ich angeboten meine bescheidenen Heilungskünste zur Verfügung zu stellen. - Ich habe fast das Gefühl die mögen Dich hier nicht so besonders. Hab ich recht?“

Lylanea schaute verhalten grinsend an.

„Hm, ja nicht so besonders.“ kam es langsam über Velvet-Paws Lippen.

„Ist ne längere Geschichte.“

„Ich hab Zeit.“ Lylanea schaute in erwartungsvoll an und wandte sich dann wieder seinen Wunden zu.

Velvet-Paw erzählte also von der Geschichte mit dem Yubo und das dieser die ganzen Vorräte des Stammes aufgefuttert hatte. Die hübsche Matis hörte aufmerksam zu und konnte sich das eine oder andere herzliche Lachen nicht verkneifen.

 

Lylanea umsorgte Velvet-Paw noch bis zum späten Abend und verabschiedete sich dann von ihm.

„So, Deine Wunden sind nun alle Versorgt. Ein bis zwei Tage Bettruhe und Du kannst Dir einen neuen Gingo fangen.“

„Ha Ha...“ antwortete Velvet-Paw leicht genervt. Hatte er nicht schon genug durchgemacht? Musste man denn ständig in seinen Wunden bohren?

Aber Er konnte es der freundlichen Heilerin irgendwie nicht übel nehmen. Er mochte dieses quirlige aufgeweckte Mädchen mit dem frechen Gesichtsausdruck. Er verabschiedete sich noch von ihr und fiel in einen tiefen erholsamen Schlaf.

 

Lylanea blickte durch den halb geschlossenen Zelteingang auf das Lager ihre Patienten.

Irgendwie war er ja süß, dieser verrückte Kerl. Auf jeden Fall hatte er sie zum Lachen gebracht und das konnte sie grade recht gut gebrauchen. Sie sprach noch kurz mit einer der Stammesfrauen über die weitere Pflege des jungen Mannes und brach dann beschwingt auf gen Yrkanis. Ihre Schwester wartete sicher schon auf sie.

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

 

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